Univ.Prof. DDr. Paul M. Zulehner, Universität Wien

Gottesverrat

Ich habe in den letzten Tagen viele eMails erhalten. Zu einigen markanten Positionen will ich im Folgenden Stellung beziehen, dies nicht zuletzt deshalb, weil hinter dem kirchenpolitischen unschönen Gerangel sich weitreichende Herausforderungen an die Kirche verbergen.

1. Mich haben viele Dankesbriefe erreicht, die mich aber nicht beruhigt haben. Denn sie zeugen vom hohen Ausmaß an Irritation, die bis in die Kernschichten unseres Kirchenvolks - und dies weit über die Grenzen unseres Landes - hineinreicht.

2. Wer meint, ich hätte keinen Respekt vor Benedikt XVI., macht es sich gar leicht. Er oder sie kann ja in meinem Buch "Ein neues Pfingsten" darüber mehr nachlesen, oder auch im Kommentar zur Enzyklika "Deus caritas est" mit dem Titel "Liebe und Gerechtigkeit". Ich erinnere mich an eine persönliche Begegnung mit Joseph Cardinal Ratzinger in Eisenstadt. Er, Karl Rahner und ich waren Festredner bei einem diözesanen Jubiläum. Damals war gerade ein Entwurf über die Rolle von Laien und Priestern in Kirche und Welt von der Glaubenskongregation veröffentlicht worden. Ich sagte damals zum Herrn Kardinal Ratzinger, dass die Aufteilung Priester=Heilsdiener, Laien=Weltdiener theologisch wohl nicht geht. Seine gute Antwort: Dann machen Sie doch einen anderen Vorschlag. Als Papst hat Benedikt XVI. in seinem weit anerkannten Jesusbuch auch um Kritik gebeten. Der Papst scheut Kritik nicht. Wohl aber seine Anbeter (was theologisch nicht akzeptabel ist). Es kann Sünde sein, wenn um des Wohls der Kirche willen nicht Kritik geübt wird. Wie wenig unfehlbar in den konkreten kirchenpolitischen Entscheidungen der Papst ist, zeigt ja die causa des Holocaustleugners und die Hilflosigkeit des Vatikans, aus dieser Sackgasse ohne hohen Ansehensverlust für die Kirche herauszufinden. Kardinal Schönborn ist sich dessen sehr wohl bewusst, sonst hätte er nicht in der ZIB2 dazu deutliche Worte der Kritik gefunden. Kurzum, die blinden Papstfanatiker schaden dem Papst, nicht seine wohlwollenden Kritiker. Meine Kritik an der Entscheidung war klar, aber auch fair. Nur, wer gar keine Kritik haben will, wird jede Kritik verteufeln. Und dies zum Schaden für die Kirche und das Papstamt.

3. Ich habe bei aller Klarheit meiner Rede nie die sprachliche Fairness verlassen (wobei ich die kleine Entgleisung in der Kleinen Zeitung ausnehme, wo ich als eine Quelle der Vorlieben unseres Papstes in liturgischen Fragen seine Kindheitserfahrungen erinnere). Was aber in vielen Emails zu lesen ist, tönt anders. Das grenzt an niveaulose Häme und triefenden Spott, an Verachtung des kirchenpolitischen Gegners, Argumente fehlen meist, das Ziel ist klar: Weil die Botschaft nicht so leicht angreifbar ist, will man den Botschafter desavouieren. Aber das gelingt nur bei jenen, die mich ohnedies schon deshalb ablehnen, weil ich nicht ihrer Meinung bin. Und für die anderen, die mich kennen, erzeugen solche Hasstiraden lediglich Kopfschütteln. Der in meine Richtung zielende Hass fällt auf die Hasser selbst zurück. Es bedrückt, dass in einem solchen Umfeld des Hasses dann vom Gebet die Rede ist und die Einheit und Brüderlichkeit beschworen wird.

4. Fachlich sind aber dieser Hass und die verbalen Vernichtungswut durchaus verständlich. Die Menschen, die so sind, können Vielfalt nicht ertragen. Sie haben keine Pluralitätstoleranz (Hermann Stenger). Das ist aber nicht nur innerkirchlich folgenschwer, sondern eben auch gesellschaftspolitisch. Wer den Anderen nicht akzeptieren kann in seiner Andersheit, muss ihn ablehnen und wo immer es möglich ist moralisch oder gar physisch vernichten. Daher gibt es auch die tiefe Abneigung gegen Juden, gegen die Moslems (jemand riet mir, auszutreten und ein Moslem zu werden, so als ob das die selbstverständliche Steigerung des Verrats wäre); und zwischen den Zeilen und in symbolischen Handlungen gegen die Frauen (wie "keine Ministrantinnen"), und nicht zuletzt gegen jene in der Kirche, die den Weg ins Ghetto ablehnen, der als Rettung der Kirche ausgegeben wird, faktisch aber der Weg in eine gesellschaftlich bedeutungslose Sekte sein wird. Sie verachten nicht nur den "linken Flügel", sondern auch die weltoffene Mitte der Kirche.

5. Kein Verständnis habe ich für den neu aufflammenden Klerikalismus. Dieser kommt in einem Interview von Wagner so zum Ausdruck, dass die Laien nichts zu sagen haben, wenn es um die Wahrheit in der Kirche geht. Ja hat er nicht in der Dogmengeschichte gelernt, dass die Frauen auf dem Fischmarkt in Ephesus die Kirche vor dem Arianismus bewahrt haben - also dafür, die enge und so schwer rational erklärbare Verwebung von Gott und Mensch in Jesus durchzuhalten? Ihm bedeutet Franz von Assisi viel: Er, oder ein Nikolaus von der Flüe haben für den Weg der Kirche in ihrer Treue zum Evangelium sehr viel getan. Es sind nicht nur die Amtsträger, die die Kirche tragen, sondern ihre Heiligen. Und darunter sind mehr Laien als den Klerikalen klar zu sein scheint. Und sind nicht Theresa von Àvila, Katharina von Siena und viele andere, etwa Juliana von Norwich oder Mechtild von Magdeburg für die Lebendigkeit der Kirche unverzichtbar gewesen. Von den vielen Ordensgründerinnen ganz zu schweigen - und ich zähle auch die großartigen Frauen in unseren Orden dazu.

6. Viel Unruhe hat ausgelöst, dass Wagner den Tsunami oder die Katastrophe in New Orleans als eine Strafe Gottes für die Schlechtigkeit der Menschen gedeutet haben soll. Allerdings hat er selbst zu beruhigen versucht wenn er meinte: "Über eine Strafe Gottes, wie dies später hieß, habe ich nie gesprochen. Ich sprach über Zusammenhänge des Lebens. Ein Beispiel: Wenn mein Leben nur vom Haben-Wollen und Nicht-genug-Haben bestimmt ist, wird die Natur darunter leiden". An solchem Hin und Her wird klar, dass sich letztlich viele Fragen um das Gottesbild drehen. Natürlich sind wir in Versuchung, Gott zu verlieblichen und ihn so herzurichten, dass er uns passt. Wir machen leicht aus einem unpassenden Gott einen uns passenden Gott. Aber eine solche abzulehnende Gottesrede ist kein Argument, Gott wieder nur bedrohlich und strafend vorzustellen. Am Beispiel des Tsumani: Allein das unendliche Leid der Kinder, der Frauen, der Armen, der Natur ist eine dunkle Anfrage an Gott. Einen Tsunami ohne Mitgefühl gnadenlos als Strafe Gottes auszugeben: Welch ein Verrat am jesuanischen Gottesbild würde hier geübt! Wie sehr werden hier menschliche Rachegelüste auf Gott übertragen! Und das bischöfliche Amt, das die Wahrheit des Evangeliums ja nicht erfindet, sondern die anvertraute Ortskirche in der Spur des Evangeliums zu halten hat, müsste gegen eine solche verkehrte Gottesrede unbedingt Stellung nehmen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, dass eine falsche Gottesverkündigung eine der Hauptursachen des modernen Atheismus ist (GS 19-21). Alle anderen Themen (wie Ministrantinnen, oder dass die Laien, welche an Stelle der aus Tatenlosigkeit der Kirchenleitung fehlenden Priester, eben presbyterale Aufgaben wie taufen, predigen, leiten übernehmen) sind im Vergleich zu einer solchen Verdunkelung Gottes nebensächlich.