Viele Katholiken sind verunsichert und verletzt. Viele spielen mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten.
Aber es gibt viele, die sagen: "Jetzt erst recht!" Sie erklären, warum sie gerade in dieser Situation in der Kirche gebraucht werden, oder sie schicken ein Foto als Zeichen der Solidarität und des Protests.
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!
Liebe Brüder und Schwestern!
Wieder einmal ist die Kirche mit großen Aufregungen in den Medien. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen von Ihnen zur Zeit nicht gut geht. Es geht mir nicht anders. Wieder einmal gibt es Vorgänge, die Kopfschütteln, Trauer, Empörung und Unverständnis auslösen. Wieder einmal steht die Kirche als "die Dumme" da, und wir mit ihr. Und wieder einmal fragen wir uns: Muss das wirklich sein? Haben wir das verdient? Bleibt uns wirklich nichts erspart? Dabei gibt es so viele andere, dringende, bedrückende Sorgen, die die Menschen, auch uns belasten: Die finanzielle und wirtschaftliche Entwicklung, die Sorge um Arbeitsplätze, der wachsende Stress am Arbeitsplatz... Es gibt viele besorgte Fragen, die jetzt eine wache und liebevolle Präsenz der Kirche erfordern, ein verstärktes Bemühen um Solidarität und ein Zugehen auf Menschen. Stattdessen die Debatten um die Gruppe derer, die das II. Vatikanische Konzil zumindest in wichtigen Teilen ablehnen, die Papst und Kirche auf dem falschen Weg wähnen und die sich selbst für die wahre Katholische Kirche halten. Dazu der Wirbel um die Ernennung des neuen Weihbischofs für Linz. Das ist alles wirklich recht viel und kann bei manchen das Gefühl erwecken, es sei sozusagen Hopfen und Malz verloren.
Was tun in einer solchen Situation?
Krisen sind immer Momente, in denen Entscheidungen fällig werden, Klärungen sich als notwendig erweisen. Krisen können Chancen sein, keine bequemen, keine leidfreien, aber doch im Endeffekt heilsame, auch wenn das inmitten der Krise noch nicht gesehen wird.
So will ich Ihnen allen, Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen in unserer Kirche, vor allem ein Wort des Trostes und der Ermutigung sagen, deren ich auch bedarf, und deren sicher viele von Ihnen bedürfen.
Es ist meine tiefste Überzeugung, dass auch eine solche Krise uns nicht aus Gottes Hand herausfallen lässt. Seine Vorsehung, seine Liebe führt uns auch durch die schwierigsten Situationen. Mich bewegt dabei der Gedanke, dass wir tiefer in das Gottvertrauen, stärker ins Gebet, und auch bewusster in die Bereitschaft gehen müssen, mit Christus zu leiden und sein Kreuz mitzutragen.
Ein zweites ist mir wichtig: Natürlich machen wir Menschen in der Kirche Fehler. Selbst der Papst macht Fehler. Aber was sich zur Zeit im deutschen Sprachraum abspielt, in den Medien, in der Öffentlichkeit, das ist schon nicht mehr sachliche Kritik, sondern zum Teil blanker Hass und Hohn. Nachdem man zuerst begeistert gesagt hat: "Wir sind Papst", voller Stolz, dass ein Deutscher Papst geworden ist, kommt jetzt das große "Halali", die Freigabe für jede Kritik und jeden Spott. Für uns ist Papst Benedikt der Nachfolger Petri. Und selbst wenn er in bester Hirtenabsicht vielleicht nicht alle möglichen Einwände und Gefahren bedacht haben sollte - und wie soll so etwas nicht möglich sein bei dem, der als Papst ja auch ein Mensch bleibt, mit seinen überragenden Qualitäten, aber auch mit seinen menschlichen Grenzen - er bleibt dennoch für uns der, dem Christus verheißen hat: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen". Deshalb erneuere ich aus ganzem Herzen meine Liebe und Treue zu unserem Heiligen Vater, zu Papst Benedikt XVI. Und ich weiß, dass die Verheißung Jesu, die zweitausend Jahre die Kirche getragen hat, auch in unseren Tagen stimmt. Deshalb lade ich Sie alle sehr herzlich ein, für Papst Benedikt zu beten, wie wir es in jeder Eucharistiefeier tun, und ihm im Herzen die Liebe und Treue zu bewahren.
Ein Bild aus dem Evangelium bewegt mich in diesen Tagen oft: Das Bild vom Seesturm. Die Apostel sind im Boot, das zu versinken droht unter dem gewaltigen Tosen des Seesturms. Jesus aber schläft in aller Ruhe im Boot. Sie wecken ihn und sagen: "Herr, kümmert es Dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Als er dann dem Seesturm Schweigen gebietet und Ruhe einkehrt, sagt er den Apostel: "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?" (Mk 4,40). Mir hilft es, an die Apostel und ihre Angst im Sturm zu denken. Sie waren bewährte Fischer, mit Stürmen auf dem See vertraut, dennoch haben sie die Erfahrung von Angst und Panik gemacht. Ich bin sicher, auch in unseren Tagen schenkt uns der Herr seine Gegenwart und lässt uns erfahren, dass er in der Barke seiner Kirche ist und sie sicher auch durch diesen Sturm führt.
Diese persönlichen Worte möchte ich Ihnen als Ermutigung und Trost mit auf den Weg geben. Im Gebet und im Vertrauen auf den Herrn mit Ihnen allen herzlich verbunden
Ihr
Kardinal Christoph Schönborn